Tipp: ‘Pickman’s Model’ by H.P. Lovecraft
Glaub nicht, ich sei verrückt, Eliot – viele haben merkwürdigere
Abneigungen als diese. Weshalb lachst du nicht über Olivers
Großvater, der in kein Auto steigen will? Wenn ich diese verfluchte
Untergrundbahn nicht mag, so ist das allein mein
Problem; und mit dem Taxi sind wir ohnehin viel schneller
hierhin gelangt. Wir hätten den Hügel von der Park Street aus
hochgehen müssen, hätten wir die U-Bahn genommen.
Pickman’s Model ist eine weitere Kurzgeschichte von H.P. Lovecraftund wieder eine dieser fantastischen Erzählungen, bei der es einem mit dem letzten Satz kalt den Rücken runterläuft. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich diese Geschichte während des Sommerfests im Alexianer Krankenhaus gelesen habe, während ich bei der Hüpfburg saß – es war warm, hell und überall lachende Kinder. Es hat mich dennoch gefröstelt. Das ist guter Horror…
Den englischen Originaltext findet man übrigens hier
Ein paar Zeilen…
(Hier einmal die Ergebnisse einer kleinen Schreibübung, die ich gemacht habe. Es sind drei ‘Gedichte’, wobei es sich eigentlich nur um ein paar dahingeworfene Zeilen handelt. Als ich sie nochmal gelesen hab, haben sie mir aber ganz gut gefallen – gut genug für einen eigenen Post.)
Nr. 1
Ich bin es leid alles verstehen zu müssen, alles zu hinterfragen, zu tolerieren und durch fremde Augen zu schauen, um die Wahrheit in allem zu erkennen, aber doch selbst nicht auf einen grünen Zweig zu kommen.
Ich bin es leid mich zu quälen, mich zu wälzen und zu drehen, mir die Meinungen durch den Kopf zu jagen, damit ich dann sagen kann „Ja, ich verstehe“.
Ich bin es leid zu tolerieren, zu akzeptieren, zu hinterfragen und nachzudenken, damit ich besser bin.
Ich bin es leid durch fremde Augen zu blicken, Standtpunkte nachzuvollziehen, die Wahrheit in allem erkennen zu müssen, mich damit zu quälen, ohne selbst etwas zu haben.
Ich bin es leid, es leid zu sein, zu ertragen, es über mich ergehen zu lassen, hinzunehmen, wegzustecken, anzuerkennen, zu nicken, zuzustimmen, einzuräumen, zu diskutieren, zu verifzieren, Recht zu geben, die Perspektive zu wechseln, ohne selber eine haben zu dürfen.
Nr. 2
Es ist eine Nachtigal, ein Mondschein, eine Obsession in dieser Sommernacht, in der Wärme der Abendstunde, die mir den Atem raubt.
Es ist eine Schande, ein Verbrechen, eine Untat, ein Vergehen, das zum Himmel stinkt.
Es ist eine Schönheit, eine Grazie, Eleganz, ein Hauch von Erregung in ihr, der meine Fantasie beflügelt.
Es ist eine offene Wunde, ein Kopfschuss, eine Sache für den Notarzt, ein Hilfeschrei, der meinen Schmerz lindert.
Es ist ein Nichts, Leere, ein gähnender Abgrund, die kalte Unendlichkeit des Weltalls in ihren Augen, die mich frieren lässt.
Nr. 3
Ich habe Talent, aber wenig Disziplin, Ruhm, aber keinen Gesang, Menschen, aber keine Menschlichkeit.
Ich habe einen Kopf, aber keinen Verstand, Gedanken, aber keine Ideen, Lust aber keine Potenz.
Ich habe Glück, aber keinen Verstand, Geld, aber keine Freunde, mich, aber niemanden sonst.
Tipp: ‘Das Versprechen’ by Friedrich Dürrenmatt
‘Das Versprechen’ von Friedrich Dürren
matt hat man vielleicht schon mal im Deutsch-Unterricht durchgenommen. Und auch wenn einem der Lehrer gehörig die Lust an der Geschichte aus dem Leib interpretiert hat, kann ich dieses Buch nur jedem ans Herz legen. Die Geschichte ist einfach richtig gut und Dürrenmatts Schreibstil einfach hervorragend.
Totgesagt
Totgesagte
leben länger,
das Niemandsland
ohne Grenzen
nur Regale,
Staub und Dreck.
Wir können nichts wegwerfen,
nicht älter als zehn Jahre,
trotzdem danke
Totgesagte
schlafen länger,
hohe Hallen
tief darunter
ein Grab
Wissen,
weise und schön.
Der Pharao schläft,
kommen sie doch später wieder
trotzdem danke
Totgesagte
leben schöner,
die Skelette
schleppen Bücher
grausame Herren,
Peitsche,
Portmonnaie und Brot.
Warum kostet das denn jetzt?
So sind die Bedingungen
trotzdem danke
Totgesagte
schlafen nicht,
an Vollmond
kommt der Werwolf
Streuner,
Verrückte und Despoten
Sie pilgern zu uns,
schreien sie bitte nicht so
trotzdem danke
Totgesagte
bleiben tot
aber niemals so
wie man es denkt
besuchen sie ihre örtliche Bibliothek
wir beißen nicht
Fell im Mund
Ich habe Fell im Mund. Weil ich ein Idiot bin. Denn ich glaube tatsächlich, dass man eine Katze küssen kann, dass sie sowas zu schätzen weiß. Aber bei dem Ausdruck, den sie grade macht – ich bin skeptisch. Soll das Mitleid sein? Hält mich meine Katze für einen Trottel?
Wahrscheinlich ja. Bei den Kosenamen, die ich ihr gebe. Sie vor Publikum auszusprechen würde reichen, damit ich mich nie wieder beim Herrenabend blicken lassen kann. Und sollte mich jemals dabei jemand erwischen, wie ich meiner Katze mit der Nase über die Schnauze reibe, wie so ein bescheuerter Eskimo, weil ich glaube, dass sie das mag – die Person müsste sterben. Ich habe einen Ruf zu verlieren.
Vielleicht macht meine Katze ja deshalb daneben. Vielleicht will sie mir was sagen, ein gutgemeinter Denkanstoss, ein Hinweis mein Leben zu überdenken, während ich ihre Scheiße vom Boden kratze: „Glaubst du wirklich, dass ich nicht zielen kann? Hm? Schau dich doch mal an – was würde deine Mutter sagen?“
Sowieso bin ich überzeugt, dass meine Katze viel klüger ist als ich. Kulturell ist sie mir haushoch überlegen: Während ich im Sportteil blättere, liest sie das Feuilleton – mit dem Arsch. Mit ihrem arroganten Blinzeln gibt sie mir unmissverständlich zu verstehen, dass meine Art zu lesen viel zu anstrengend und rückschrittig für sie wäre, und dass es schon seinen guten Grund hat, warum ich ihr das Abendessen zubereite, während sie den ganzen Tag schläft und sich in der Sonne räkelt. In unserer Beziehung bin schließlich ich der Idiot.
Meine Katze testet wie weit sie’s mit mir treiben darf. Dass sie ausgerechnet speziell auf das stinkende Futter abfährt, ist pure Absicht. Sie will mich damit ärgern. Hundertpro. Ich kann sehen, wie sie sich ins Fäustchen lacht, weil ich ihr trotz ihres erbärmlichen Mundgeruchs die Nase vor die Schnauze halte und wie ein Bescheuerter “Nü nü nü nüüüü” mache, als wären echte Worte ein Problem für mich. Verdammtes Biest. Wenn sie nachts um die Häuser schleicht, erzählt sie bestimmt all ihren Freunden davon wie bescheuert ich doch bin.
Über die Sache mit den kaputten Möbeln haben wir aber schon gesprochen. Jetzt weiß sie bescheid. Nochmal lass ich ihr das nicht durchgehen. Wenn ich ihretwegen schon auf Urlaub verzichte, dann hat sie gefälligst auch den Biedermeier in Frieden zu lassen. Wir haben ein Abkommen getroffen: Sie lässt die Erbstücke heil und dafür darf sie dann mich beißen und kratzen, wenn ich mit ihr spiele. Eine Beziehung braucht nunmal Kompromisse. Natürlich muss unsere Abmachung erstmal etwas sacken – sie muss sich orientieren, dran gewöhnen und so weiter. Und überhaupt find ich die Vorhänge so viel schöner – irgendwie “vintage”…
Aber eigentlich mach ich mir garkeinen Kopf. Sie kann tun was sie will, die kleine Primaballerina, aber mir macht sie nichts vor. Ich kenne meine Katze. Vielleicht verarscht sie mich am laufenden Band, macht sich lustig hinter meinem Rücken und sieht in mir ihren Hausidioten – ich weiß es trotzdem besser. Denn spätestens wenn ich abends im Bett liege, unter die Decke gekuschelt, der Fernseher läuft und ich langsam wegdöse, dann kommt sie angekrochen. Als wäre nichts gewesen springt sie plötzlich auf das Bett, trampelt über die Decke, wie ein Yeti durch den Schnee, und will kuscheln. Ich lasse sie zappeln. Sie schmeißt den Motor an, aber ich tue so als wäre ich noch sauer. Mit ihrem buschigen Schwanz streicht sie mir dann durch’s Gesicht, hält mir ihren Arsch direkt vor die Nase, um klar zu stellen, wer hier der Boss ist – aber ich weiß, dass sie mit ihren dummen Krallen niemals eine Futterdose öffnen können wird und immer noch ich bestimme, wann’s zum Tierarzt geht. Und dann tue ich ihr den Gefallen, pruste mit den Lippen auf ihrem nackten Bäuchlein, wie bei einem Neugeborenen und hab sofort wieder den Mund voll Fell.
*In guter Erinnerung an drei komische Katzen*
Tipp: ‘The Case of Charles Dexter Ward’ by H.P. Lovecraft
‘The Case of Charles Dexter Ward’ by H.P. Lovecraft
From a private hospital for the insane near Providence, Rhode Island, there recently disappeared an exceedingly singular person. He bore the name of Charles Dexter Ward, and was placed under restraint most reluctantly by the grieving father who had watched his aberration grow from a mere eccentricity to a dark mania involving both a possibility of murderous tendencies and a profound and peculiar change in the apparent contents of his mind. Doctors confess themselves quite baffled by his case, since it presented oddities of a general physiological as well as psychological character.
Achtung, lang! ‘The Case of Charles Dexter Ward’/'Der Fall des Charles Dexter Ward’ ist ein Roman von niemand geringerem als H.P. Lovecraft, von dem man eigentlich schonmal gehört haben sollte. Ich habe diese Geschichte mit ca. 15, 16 auf einer Zugfahrt zu meiner Oma gelesen und mich bei helligtem Tage, mit Menschen um mich herum, gefürchtet. Tatsächlich hab ich das Buch zweimal gelesen. Lovecraft hat einen sehr eigenen Stil – man muss ihn nicht mögen, aber die Geschichte lohnt sich trotzdem!
Erwachsen werden
Erwachsen werden heißt Verantwortung zu tragen! Putz endlich deine Küche! Der Eimer steht da, der Schwamm liegt hinten. Mutter macht das nicht mehr für dich. Hier isst Du, hier kochst Du – das muss sauber sein, dafür hast Du zu sorgen, Junge!
Erwachsen werden heißt Verantwortung zu tragen! Das Geld ist knapp, jeder Cent will zweimal umgredeht werden! Kannst du rechnen? Wieviel ist vier mal vier? Du musst sparsam sein, sonst wirst du sparsam leben.
Erwachsen werden heißt Verantwortung zu tragen! Mutter geht nicht mehr ans Telefon. Du kannst nicht immer ihre Nummer wählen, allein musst du das schaffen. Es ist an dir deine Probleme zu lösen. Geh raus und regel deinen Kram selber!
Erwachsen werden heißt Verantwortung zu tragen! Die wichtigen Erfahrungen machen sich nicht von selbst! In deiner Bude lernst du nichts. Geh raus, frag die Leute wo man das anfasst, wie rum man das hält. Wo geht das an und aus? Finde es heraus!
Erwachsen werden heißt Verantwortung zu tragen! Das musst Du können, später wird dir niemand mehr helfen.
Rasieren
Ich stehe auf. Es ist sechs Uhr morgens. Ich weiß das, auch wenn ich keine Uhr besitze. Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf, seit Jahren, für das selbe Ritual.
Der Spiegel ist dreckig. Ich kann mich trotzdem darin sehen: Ein alter Mann, faltig und verbraucht. Ein seufzendes Skelett, wenn man mich fragt. Es ist nicht mehr gut zu machen, es bleibt einfach so.
Der Bart kratzt. Die grauen Stoppeln stehen mir nicht, sie müssen weg. Sie sind hässlich, machen mich alt, machen mich borstig, unschön wie ein Stück altes Blech.
Mein Kulturbeutel. Ein altes Relikt, genau wie ich selbst, aus echtem Leder, fast wie meine Haut. Ich habe ihn schon seit Ewigkeiten. Das Leder bröckelt langsam ab. Die Klinge meines Messers ist leider stumpf, aber ich habe nur dieses. Mir fehlt ein Schleifstein, etwas um es zu pflegen. Das Wasser ist heiß, so wie ich es mag. Ich nehme das kleine Stück Seife aus dem Beutel, den letzten Rest, so groß wie mein kleiner Finger. Ich wickele es vorsichtig aus, habe es extra in einem Beutel verpackt. Es darf nicht ins Wasser fallen, sonst löst es sich auf. Der Händler, von dem ich es habe, lebt nicht mehr. Er war ein guter Mann. Der Pinsel hat nicht mehr alle Haare. Ich dafür schon, so ist das nunmal. Behutsam rühre ich etwas Schaum an und verteile ihn in meinem Gesicht. Nicht zu viel verbrauchen, wer weiss, wann ich nochmal zu echter Seife komme.
Ich nehme das Messer in die Hand, so wie man es tut, mit dem Finger auf dem Bügel. Die Klinge ruht auf meiner Haut. Ich atme flach, durch die Nase. Erst die Seiten, direkt unter den Ohren. Vorsichtig – kleine, kurze Bewegungen. Der Winkel muss stimmen. Ich wölbe den Mund, schiebe den Kiefer vor, rasiere die Stoppeln auf der Unterlippe. Dann ziehe ich den Kiefer zurück, mache zügig die Oberlippe. Es tut weh. Jeder Streich zieht, aber es muss sein. Keine Kapitulation. Die Haare rieseln in das Waschbecken, verschwimmen im seifigen Wasser, sammeln sich am Rand des Bottichs.
Ich huste kurz. Nicht schlimm, ich bin nicht krank, nur der morgendliche Schleim. Dann tropft Blut von meiner Wange. Ich habe nicht aufgepasst. Ich habe mich geschnitten. Der Tropfen platscht in das Becken, vermischt sich mit den Haaren und der Seife, ein weiterer Teil von mir, ein weiterer Teil der verloren geht und sich im Wasser auflöst. Vielleicht habe ich das verdient.
Ich bin fertig. Mein Gesicht ist wieder glatt. Bis auf die Falten. Bis auf die Narben, bis auf alles andere. Meine Augenbrauen sind so buschig, so groß. Ich sehe traurig aus, finde ich. Ein trauriges Skelett, wenn man mich fragt. Nicht mehr gut zu machen.
Tipp: ‘I have No Mouth, and I Must Scream’ by Harlan Ellison
‘I Have No Mouth, and I Must Scream’
Limp, the body of Gorrister hung from the pink palette; unsupported – hanging high above us in the computer chamber; and it did not shiver in the chill, oily breeze that blew eternally through the main cavern. The body hung head down, attached to the underside of the palette by the sole of its right foot. It had been drained of blood through a precise incision made from ear to ear under the lantern jaw. There was no blood on the reflective surface of the metal floor.
When Gorrister joined our group and looked up at himself, it was already too late for us to realize that, once again, AM had duped us, had had its fun; it had been a diversion on the part of the machine. Three of us had vomited, turning away from one another in a reflex as ancient as the nausea that had produced it.
Das ist vielleicht eine meiner Lieblingsgeschichten – der letzte Satz jagt mir jedesmal wieder einen Schauer über den Rücken, egal wie oft ich ihn lese. So was würde ich gerne schreiben. Überhaupt ist die Vorstellung von dem bewussten, hasserfüllten, übermächtigen Computer ein grandioses Horrorszenario. Auf Basis der Geschichte wurde 1995 übrigens ein PC-Spiel kreiert, dass leider völlig an mir vorbeiging, auf meiner To-Do-Liste aber weit oben steht.



